18. September 2020

WDR-Intendant schweigt zu Drohungen gegen eigene Mitarbeiter

Nazi-Drohungen gegen WDR-Mitarbeiter*innen nach Äußerungen zum #Umweltsau Satire-Video. WDR-Intendant Buhrow schweigt dazu.

Sondersendung beim WDR, mit per Telefon live dazu geschaltetem WDR-Intendanten Tom Buhrow

Der WDR reagierte blitzschnell, nachdem es am Wochenende zu einem von rechten Politiker*innen und Medien angefeuertem Shitstorm gegen den WDR gekommen war. Anlass war ein vom WDR-Kinderchor aus Dortmund vorgetragenes Lied mit dem Vers „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“, das zu dem Lied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ als Comedy gekennzeichnet, zu sehen war. 15.000 zum Teil heftigste (Hass)Kommentare waren daraufhin auf der Facebookseite des WDR eingegangen. Die Reaktion war jetzt allerdings nicht wie zu erwarten eine Erklärung, dass man hinter dem Kinderchor stehe, Satire bekanntlich frei sei und Bedrohungen und Beschimpfungen von WDR-Mitarbeiter*innen hingegen nicht hinzunehmen seien…

Nein, dem Shitstorm wurde stattdessen umgehend nachgegeben, das Video wurde schon am Freitagabend von der WDR-Facebookseite gelöscht und in einer Sondersendung des WDR entschuldigte sich WDR-Intendant Tom Buhrow ohne „Wenn und Aber“ für das Video.

Unglaublich, wie schnell hier einer rechten Blase nachgegeben wurde, der es wohl weniger um eine Beleidigung der Großeltern, als vielmehr um einen virtuellen Aufstand gegen „Klima-Hysterie“ und „GEZ-Staatsfernsehen“ ging. Ein paar tausend zum großen Teil rechte Schreihälse, unterstützt von einigen Politiker*innen, die diesen rechten Rufen allzu gerne folgen, reichen schon aus und die Leitung des WDRs distanziert sich vom eigenen Programm.

Demo von rechten Hooligans und Bedrohungen von WDR-Mitarbeiter*innen

Doch der Shitstorm, der vor allem von rechten Seiten getragen wurden, für die ansonsten jegliche Beleidigungen, Beschimpfungen und auch Bedrohungen von politischen Gegner*innen, oder auch Flüchtlingen und Migranten*innen als „freie Meinungsäußerung“ gilt, versiegte dadurch nicht, sondern bekam weiteren Auftrieb.

Rechtsextreme Gruppen aus dem Umfeld der „Identitären, „Patrioten“ und Nazihooligans der „Bruderschaft Deutschland“ veranstalteten am Sonntag daraufhin eine Kundgebung vor dem WDR-Vierscheibenhaus. Potentielle Gegendemonstranten*innen wurden angegriffen und bedroht. Vom WDR keinerlei Reaktion… Ein ausführlicher Bericht über die Kundgebung hier.

Morddrohungen und Veröffentlichung von Fotos, Adressen und Telefonnummern

Auch im Netz gingen die Beschimpfungen weiter. Auf Seiten der AfD wurde der künstlerische Leiter der Chorakademie Dortmund als Kinderschänder beschimpft und seine Telefonnummer veröffentlicht. Der im Berliner Abgeordnetenhaus sitzende AfD-Politiker Harald Laatsch veröffentlichte gar unter dem Stichwort „Kindesmissbraucher“ die Namen und Fotos aller sieben Verantwortlichen des Kinderchors, darunter sechs Frauen, was er besonders betonte.

Ein Mitarbeiter des WDR hatte sich den rechten Hasskommentaren auf seinem privaten Twitteraccount entgegengestellt mit dem Tweet, „Eure Oma war keine Umweltsau. Stimmt. Sondern eine Nazisau“. Daraufhin explodierte die rechte Blase und Morddrohungen und Aufrufe, ihn sofort aus dem WDR rauszuschmeißen, folgten im Sekundentakt. Auch auf den Shitstorm reagierte der WDR umgehend. Und zwar mit einem Tweet der Aktuellen Stunde mit den Worten: „Der Mitarbeiter ist freier Mitarbeiter beim WDR, kein Redakteur.“ Kein Wort der Solidarität angesichts der zahlreichen Morddrohungen gegen ihn. Mehr kann man einen Mitarbeiter nicht im Regen stehen lassen.

Der WDR distanzierte sich hingegen klar von dem Tweet des Mitarbeiters und führte ein Personalgespräch mit ihm, woraufhin er sich auf Twitter für den Beitrag entschuldigte. Auch das stoppte den rechten Hass nicht. Vor dem Haus der Eltern des freien Mitarbeiters in Dortmund demonstrierte daraufhin der Chef der Nazipartei „Die Rechte“ mit einem Plakat. Auch hierzu keinerlei Reaktion des WDR, außer dass der Leiter der WDR-Programmgruppe Aktuelles Fernsehen Stefan Brandenburg auf Twitter einen Tag später folgendes feststellte: „Unsere Freien sind nicht Mitarbeiter 2. Klasse. Sie sind Journalisten, die gehören dazu“. Ein Satz der unfreiwillig komisch ist, wenn man die letzte Tarifrunde beim WDR noch im Auge hat, bei der die Forderungen der freien Mitarbeiter so gut wie kein Gehör bei der Geschäftsleitung fanden.

WDR-Mitarbeiter*innen werden mit dem rechten Shitstorm allein gelassen in den sozialen Medien laufen die Beschimpfungen und Bedrohungen gegen den WDR und vor allen gegen einzelne Mitarbeiter*innen auf vollen Touren weiter. Das Einknicken vor dem Shitstorm und das völlige Ignorieren der Beschimpfungen und Bedrohungen haben den rechten Hasskommentaren noch mehr Nahrung gegeben. Rechte Hetzer*innen fühlen sich bestätigt. Was auf den Seiten der namentlich genannten WDR-Mitarbeiter*innen los ist, oder was für Anrufe sie auf den von AfDlern veröffentlichten Anschlüssen bekommen, ist kaum vorstellbar. Selbst zu Hause sind sie teilweise vor Angriffen nicht mehr sicher. Und zu alledem schweigt der WDR bisher mit beängstigender Lautstärke.

Der überaus schnellen Distanzierung von der Darbietung des eigenen Kinderchors folgt ein unglaubliches Schweigen gegenüber den Beschimpfungen und Bedrohungen gegen die eigenen Beschäftigten. Dem Intendanten des WDR scheint es wichtiger zu sein, sich zu einer nicht allen zu gefallenen Satire zu äußern, als ein klares Statement zu den (Mord)Drohungen gegenüber den WDR-Beschäftigten abzugeben.

Trotz Feiertagen und Urlauszeit kann das nicht die letzte Reaktion aus dem Hause des WDR sein. Aber wahrscheinlich muss der Anstoß zum Protest gegen die Bedrohungen und auch gegen das Unsägliche Verhalten der WDR-Führung von den Beschäftigten selber erfolgen….